Jun 17 2010
Jeder kann ein Fussballvernatiker werden!
Jaja, der Fussball… – Oh, das Elend
Wir hatten auch so einen bei uns in der Nachbarschaft. Das war so um
1998, zur WM. Der Herr hatte ein Faible für Töpferei und moderne
Malerei, rauchte Pfeife und interessierte sich nicht einen Deut fürs
runde Leder. Für ihn wars offensichtlich Unterschichtenvergnügen,
jedenfalls solange, bis die WM begann.
Aus beruflichen Gründen – seine Kollegen wetteten auf verschiedene
Mannschaften, die WM war in seiner Firma ständiges Gesprächsthema -
konnte er sich dem Treiben nicht mehr entziehen. Nach mit
Todesverachtung nebenbei beobachteter Vorrunde entschied er sich, für
Frankreich zu sein. Weil die den besten Fussball spielten, so seine
Aussage.
Bekanntlich wurde Frankreich Weltmeister und dieser Herr strafte nun
jeden mit abgrundtiefer Verachtung, der auf ein anderes Team gesetzt
hatte. Frug man ihn nach Details bestimmter Spiele, offenbarte sich
sofort sein während drei im Fernsehen goutierter Spiele erworbenes
Fachwissen. Nein, war kein Elfmeter, der Schiri hat immer Recht und
überhaupt, Frankreich spielt den besten Fussball, war ja schon immer
so, was seid ihr eigentlich für Laien, daß ihr das nicht wisst?
Nach einem viertel Jahr war auch das wieder vergessen, und seine
übliche Verachtung eines jeden Fussballfans stach seinen persönlichen
Triumph des “ich habs euch doch gleich gesagt, Frankreich wird
Weltmeister” aus. Die EM 2000 hat er gar nicht kommentiert, die war
nicht wichtig genug. Na gut, ein hämischer Kommentar ob des
Abschneidens der deutschen Nationalmannschaft war schon drin. Aber
mehr nicht.
Interessant wurde es 2002. Bestärkt durch den Erfolg von ’98 begann
sich der Herr aus der Nachbarschaft wiedermal für Fussball zu
interessieren, allerdings nur insofern, als daß er vom Standpunkt
seiner durch die WM 98 erworbenen Fachkenntnisse sofort Frankreich
als alten/neuen Weltmeister weissagte. Er hatte ja drei Spiele mit
einem von zwei Augen leibhaftig angesehen, damals, ’98. Er kannte
sich ja aus. Niemand sonst. Er war der Meinung, man müsse sich nicht
für den Sport der Unterschicht interessieren, einmal zugesehen, könne
man sowieso alles vorherahnen, was sich auf dem grünen Rasen tut und
tun würde.Er beschloss sogar Reisen zu unternehmen und zwar ins Stadion.
Bekanntlich wurde 2002 Brasilien Weltmeister. Das schmeckte ihm gar
nicht. Er fing an, die Spiele in Frage zu stellen, diesmal hatte er
allerdings nach der für Frankreich verheerenden – und von ihm nur mit
halbem Auge beobachteten – Vorrunde entschieden, keine weiteren
WM-Spiele mehr anzugucken. Es hiess, Betrug! Frankreich wurde um den
Titel betrogen, wäre es gerecht zugegangen, hätten die Franzosen den
Titel verteidigt.
Dies hatte nun den Effekt, daß sich seine Verachtung gegenüber
Fussballfans exponentiell steigerte. Beim Finalspiel, welches wir uns
im Garten (liegt direkt am Haus) ansahen, wollte er uns gar die
Stromversorgung kappen, von wegen dem Lärm. Ein Bier später saß er in
unserer Mitte und gab vor, überhaupt nicht zu verstehen, was so
interessant an einem WM-Finale wäre und ob es nicht sinnvoller wäre,
allen 22 Spielern je einen Ball zur Verfügung zu stellen.
Er hat dann noch an seiner Pfeife gezogen und weitere fachmännische
Kommentare zum Spiel Deutschland-Brasilien abgegeben. Seltsamerweise
hat ihm niemand zugehört. Warum nur?
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